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Fünfeinhalb mal um den Globus:
Der letzte Streckenläufer der Deutschen Bahn

Immer ein Schritt nach dem anderen, immer die Augen offen – Peter Guth war der letzte Streckenläufer der Deutschen Bahn. Jahrzehntelang stand er mitten in der Nacht auf, um sich mit Schraubenschlüssel und Signalflagge auf den Weg zu machen. Viel hat er erlebt und sich einmal mit einem Salto vor einem Zug gerettet.

Text und Fotos: JAN ZAWADIL     
 

Täglich 20 bis 24 Kilometer, sechs Tage die Woche. Immer Schritt für Schritt, immer Schwelle für Schwelle. Peter Guths Blick ging dabei stets an den Schienen und dem Gleisbett entlang. Immer musste er aufmerksam sein, mal Schrauben nachziehen, Steinbrocken aus dem Weg räumen oder auf die Gleise gestürzte Bäume melden.

Peter Guth war der letzte Streckenläufer der Deutschen Bahn. Als es noch keine moderne Messtechnik gab, kontrollierte er wie hunderte anderer die Schienen und Gleisbette mit den Augen und zu Fuß. Überprüfte mögliche schadhafte Stellen und warnte Züge vor Gefahren. Dafür lief er nicht nur tausende Kilometer, sondern „fünfeinhalb Mal um den Globus“ – eine Distanz, die Guths früherer Chef bei der Verabschiedung in den Ruhestand vorgerechnet hat.

Nachts um halb drei Uhr ging‘s los

Von Seebruck bis Titisee, von Hinterzarten bis Rötenbach oder von Rötenbach bis Kappel war Peter Guth für viele Strecken im Südschwarzwald verantwortlich. Jeden Morgen ging es für ihn um halb drei Uhr los – sonst begegnet man um diese Uhrzeit höchstens dem Bäcker auf dessen Weg in die Backstube. Denn Guth musste mit seinem Kontrollgang fertig sein, bevor beispielsweise der erste Zug von Neustadt nach Villingen unterwegs war.

Auf all seinen Wegen über die Gleise hat der Schwarzwälder viel erlebt. Einiges ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Dazu gehören vor allem die Anfänge seiner sprichwörtlichen Laufbahn und die Schwellenabstände. Die jeweils rund 60 Zentimeter habe er nämlich zunächst im Dribbelschritt nehmen müssen. „Später ist das automatisch gegangen.“

Hinzu kamen die strengen Winter. Manchmal waren es eineinhalb Meter Schnee und so große Eiszapfen in den Tunneln, dass er die mit dem schweren Schraubenschlüssel abschlagen musste. Wenn es richtig frostig war und geschneit hatte, musste Peter Guth außerdem eine Stunde früher und oft mit Langlaufskiern an den Füßen raus. Zum Glück konnte er sich dabei immer auf seinen Instinkt verlassen. Denn trotz Schnee entdeckte er eines Morgens einen Schienenbruch und konnte rechtzeitig vor der Gefahrenstelle warnen. Nur einmal wäre fast etwas schiefgegangen. In einem anderen Winter hatte er einen verspäteten Zug wegen der dämmenden Wirkung des Schnees überhört und rettete sich in letzter Sekunde mit einem Salto aus dem Gleisbett.

Gevespert wurde im Laufen

So hart die Winter auch waren, umso schöner waren die Sommer. „Morgens die Ruhe, die Rehe und die Sonnenaufgänge“ – das hat Peter Guth genossen. Da war es dann egal, dass er die Landschaft immer nur im Gehen erlebt und immer auch während des Laufens gevespert hat.

Der ursprünglich gelernte Maurer kam Ende der 1950er Jahre zur Bahn. Im Bauzug 1402 waren er und 70 Kollegen für die Gleise rund um Karlsruhe und Rastatt bis nach Heidelberg verantwortlich. Viele Nachtschichten wurden damals eingelegt, damit tagsüber die Züge rollen konnten. Das war harte körperliche Arbeit. 1962 wechselte Guth zur Bahnmeisterei Neustadt und war zeitweise Gleisbauer, Schrankenwärter und Streckenläufer in Personalunion. Im Jahr 1975 legte er die Beamtenprüfung ab und war bis 1998 als letzter DB-Streckenläufer auf der Höllentalbahn unterwegs.

Gleisverwerfungen durch Hitze und die Verantwortung für all die Gleisabschnitte hat Peter Guth längst hinter sich gelassen. Auch die vielen Gänge übers Ravenna-Viadukt sind nur noch schöne Erinnerungen. Heute feiert Peter Guth seinen 80. Geburtstag und meint: „Es ist immer wichtig, sich zu bewegen.“ Und obwohl er nicht mehr ganz so fit wie früher sei, würden die Knie trotz der tausenden Kilometer immer noch mitmachen.

Dass die Gesundheit mitspielt, ist für den 80-Jährigen wichtig. Denn die eigenen vier Ziegen und fünf Schafe versorgt werden. Außerdem haben er und seine Frau Ira immer etwas im oder ums Haus zu tun: Das Gemüse und die Blumen müssen gehegt und gepflegt werden, Ausbesserungen am Gartenpavillon stehen immer mal wieder an. Schließlich soll das Zuhause in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Rötenbach das kleine Paradies bleiben, das es ist.

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Peter Guth Anfang der 1960er-Jahre: Damals war die Tolle noch wilder.