Parkour: Ein Leben ohne Hindernisse

Scheinbar mühelos über Mauern springen, Treppenaufgänge mit einem Satz überwinden - Marius Mohr hat Parkour nicht nur für sich entdeckt, er lebt und liebt die Art der grenzenlosen Fortbewegung. Und die Begeisterung war es wohl auch, die ihn zu einem der Großen in der Szene gemacht hat.

 

JAN ZAWADIL

Geht seine eigenen Wege: der Traceur Marius Mohr.

Foto: Jan Zawadil

Reutlingen.   „Ich sehe Treppen und sehe 100 Sprünge. Die Fantasie geht mit einem durch." Bei Marius Mohr ist die Begeisterung für seinen Sport, sein Parkour, förmlich greifbar. Denn wenn der 20-jährige Reutlinger ein Mal begonnen hat, von den Sprüngen und der Leichtigkeit zu erzählen, gerät er nicht nur ins Schwärmen, er taucht in eine völlig andere Welt ein.

Doch so romantisch das klingen mag: Die effektive und scheinbar mühelose Art der Fortbewegung hat wenig beschaulich begonnen. In den 80er-Jahren  hatten nämlich die Kids der Pariser Banlieues ihre triste Umgebung satt. Und weil sie nicht raus konnten, haben sie kurzerhand die Betonbauten, die Häuserschluchten mitsamt ihren dunklen Treppenaufgängen zu ihrem Spielplatz gemacht.

Was damals scheinbar kindliche Verfolgungsjagden über Geländer, Mauern und Abfahrten waren, wuchs dennoch mit den Jugendlichen und wurde zu „Le Parkour" - der kunstvollen Bewegung, die keine vorgefertigten Wege kennt.

„Das will ich auch können" war vor wenigen Jahren trotzdem Marius Mohrs erster Gedanke, als er vor dem Computer saß und in einem Video die Sprünge eines Parkour-Läufers, eines so genannten Traceurs, sah. Und da war dem jetzigen Abiturienten plötzlich klar, dass die Suche nach seinem „ganz persönlichen Ding" beendet war. Endlich konnten die Fußballschuhe an den Nagel gehängt werden und der Tennisschläger in der Ecke bleiben. Nur das jahrelange Judo-Training, das war die ideale Grundlage, um ein damals noch in weiter Ferne liegendes Ziel zu erreichen.

Die ersten Schritte als Traceur machte Mohr im heimischen Reutlingen. Mit einem Kumpel ging es damals über Betonpfeiler und Geländer. Weil Mohr aber schon damals mehr wollte, suchte er den Kontakt zu anderen Läufern und musste feststellen: „Die waren nicht so locker." Außerdem seien ihm die damaligen ersten Parkour-Bekanntschaften ohnehin suspekt gewesen.

Weil Mohr sich von seinem Ziel nicht abbringen lassen wollte, nahm er einen ähnlich harten Weg wie die Jugendlichen der Pariser Vorstädte auf sich. Er kaufte sich deshalb im Sommer 2008 ein Schülerticket und tourte durch Süddeutschland. Traf sich mit Traceuren und Freerunnern, um sich eigentlich ein paar Tricks abzuschauen und um zu lernen. Doch was er da teils zu hören bekam, war alles andere als Lob. „Ich hab' nämlich eins auf den Deckel bekommen", erinnert sich Mohr, der über diese Episode zwischenzeitlich lachen kann. Schließlich habe er sich klipp und klar anhören müssen, dass er unbedingt mehr Krafttraining machen müsse, wenn er es zu etwas bringen wolle.

Der Schüler befolgte den Rat. Und der war nicht nur goldrichtig. Hinzu kam der Kontakt zu Sven Feix. Der Freiburger, so Mohr, sei nämlich nicht nur einer der ersten Parkour-Begeisterten und Großen in der deutschen Szene gewesen, „er hat sich auch um uns gekümmert".

„Immer besser sein als die anderen" wurde zur Maxime. Dem jungen Traceur hat das nicht nur Freunde beschert. Vielmehr führte es dazu, dass er sich mit seinem Kumpel aus Parkour-Anfangszeiten zerstritten hat.

So schmerzlich diese Erfahrung war, letztlich ist das Vergangenheit. Vielmehr zählt der 20-Jährige längst selbst zu den großen Traceuren und hat gelernt wie der Hase läuft. Er weiß nämlich wie hart die Konkurrenz ist, weiß um die Animositäten in der Szene, in der sich manch einer schon mal auf einem selbstgeknipsten Smartphone-Foto und im überdimensionalen Hotelzimmer zeigt, das vom jeweiligen Auftraggeber zur Verfügung gestellt wurde.

Über so etwas kann Marius Mohr trotzdem nur schmunzeln. Und den Adrenalinkick, wie ihn viele suchen würden, braucht er genauso wenig. Ihm geht es vielmehr darum, sich bei seinen Sprüngen gut zu fühlen. Wobei das erklären könnte, warum der Abiturient auch mal dem Stadttrubel entflieht und ein ruhiges, konzentriertes Training im Wald absolviert.

Dennoch: „Ich kann was, was andere nicht können", meint Mohr verschmitzt und betont, dass der Spaß am Parkour trotz allen Ehrgeizes und des harten Trainings nicht zu kurz kommen darf.

Weil der Sport der anderen Wege für ihn Lebensmittelpunkt geworden ist und sein Leben positiv verändert hat, möchte Mohr aber nach dem Abitur beruflich weiterhin mit Parkour zu tun haben. Und der Erfolg aus zahlreichen Auftritten wie beispielsweise bei Präsentationen von Automobilherstellern scheint ihm Recht zu geben, weshalb die Gründung einer Event-Agentur mit der Vermittlung von Traceuren ein erster und logischer Schritt war.

Reich will Mohr mit dem einstigen Trendsport trotzdem nicht werden, und schon gar nicht die Welt verändern. Ein bisschen stolz ist er dennoch auf das, was er tut, „weil es etwas ist, für das ich mich wirklich selbst entschieden habe".

Dadurch erklärt sich wohl auch die Motivation und die Vielzahl der Anfragen. Denn: „Mit dem Spaß kommt der Erfolg." Trotzdem sei es momentan schwer, den Alltag aus Schule, Events und Training unter einen Hut zu bekommen. Letztlich sei Parkour für ihn aber eine Lebenseinstellung, mit der er seinen ganz persönlichen Stil verbinde und sich wie ein Entdecker fühle. Richtig in Worte könne er die Faszination allerdings nicht fassen - nur so viel: „Ganz normal sind wir Traceure nicht."

erschienen in verschiedenen Tageszeitungen, 2012

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